Warum ist in Bilddateien der Leica M9 nicht die eingestellte Blende gespeichert?

Wenn ich die Bilder meiner Leica M9 im Raw-Konverter oder mit einer anderen Software öffne, die EXIF-Metadaten anzeigt, fehlt dort die Angabe der eingestellten Blende. Warum trägt die Kamera diesen Wert nicht ein?

Leicas M-System stammt noch aus einer Zeit, als Kamera und Objektiv nicht so viele Daten austauschten, wie das heute üblich ist. Nur die Entfernungseinstellung des Objektivs ist mechanisch mit dem Mischbildentfernungsmesser in der Kamera gekoppelt; dieser Eigenheit verdankt dieser Kameratyp den Namen „Messsucherkamera“. Seit einigen Jahren erhalten Leicas M-Objektive zudem einen Code, der aus sechs schwarzen oder weißen Flächen besteht und von der M8, M8.2 und M9 gelesen werden kann. Ältere M-Objektive können meist nachträglich kodiert werden.

Die M9 und ihre digitalen Vorgängermodelle wissen also immerhin, welches Objektiv auf der Kamera sitzt, aber auch das nur, wenn dieses kodiert ist. Die über den Blendenring eingestellte Blende wird hingegen noch immer nicht übertragen und kann daher auch nicht in den Metadaten einer DNG- oder JPEG-Datei gespeichert werden.

Der Helligkeitssensor sitzt hinter dem runden bläulichen Fenster oben links vom roten Leica-Punkt (Quelle: Leica)

Obwohl der Blendenwert also unbekannt ist, versucht ihn die Kamera abzuschätzen. Dazu vergleicht sie die vom Belichtungsmesssensor in der Kamera gemessene Helligkeit mit dem Wert, den der Helligkeitssensor über dem Objektiv liefert. Während der Belichtungssensor weniger Licht erhält, wenn man abblendet, hat dies keinen Einfluss auf den Helligkeitssensor. Aus dem Unterschied zwischen diesen Werten kann die Kamera nun abschätzen, auf welchen Wert man abgeblendet hat.

Diese Abschätzung ist allerdings nicht sehr genau. Der Helligkeitssensor hat einen anderen Bildwinkel als der Belichtungssensor, dessen Messcharakteristik wiederum von der Brennweite abhängt. Farb-, Grau- und Polfilter können die Kamera in die Irre führen und eine kleinere Blende vortäuschen, und natürlich kommt man auch zu falschen Ergebnissen, wenn man den Helligkeitssensor versehentlich abdeckt. Carl Bretteville hat die realen und abgeschätzten Blendenwerte seiner M8 systematisch und bei Verwendung unterschiedlicher Brennweiten verglichen und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass die Abweichung normalerweise kleiner als –1 EV nach unten und 2 EV nach oben ist. Wenn man lichtschluckende Filter verwendet oder den Helligkeitssensor abdeckt, kann die Abweichung natürlich auch größer sein.

Da der abgeschätzte Blendenwert also unsicher bleibt, verzichtet Leica darauf, ihn in den zwei im EXIF-Standard dafür vorgesehenen Feldern zu speichern. Er wird allerdings zusammen mit den von Belichtungssensor und Helligkeitssensor gemessenen Werten, dem Code des Objektivs und dem ausgewählten Sucherrahmen in den proprietären MakerNotes gespeichert, mit denen man die im Standard vorgesehenen Metadaten um weitere Angaben erweitern kann. Carl Bretteville hat die Daten, die Leicas M-Modelle in den MakerNotes speichern, gründlich erforscht und die Ergebnisse auf seiner Website dokumentiert.

Mit der kostenlosen Software CornerFix von Sandy McGuffog kann man nicht nur diese proprietären Angaben auslesen, sondern auch den Schätzwert der Blende in den im EXIF-Standard für die Blende vorgesehenen Feldern nachtragen. Dazu kann wahlweise Leicas eigenes Schätzverfahren oder eine verbesserte Alternative von Sandy McGuffog benutzt werden. Wenn man die so ergänzten DNG-Dateien in einer anderen Software öffnet, wird auch die Blende angezeigt – man muss sich nur darüber im Klaren sein, dass der tatsächliche Blendenwert davon abweichen kann.


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