Muss man den Bildstabilisator abschalten, wenn man vom Stativ fotografiert?

Oft wird empfohlen, einen optischen Bildstabilisator abzuschalten, wenn man die Kamera auf ein Stativ montiert hat. Natürlich ist der Bildstabilisator dann nicht wirklich notwendig, da ja schon das Stativ für Stabilität sorgt, aber ich verstehe nicht, wieso es schaden soll, wenn man ihn abzuschalten vergisst.

Bei einer Belichtungszeit von einer Sekunde zeigt sich eine sichtbare Unschärfe, wenn man den Bildstabilisator des Canon EF 70–200mm 1:2,8L IS USM eingeschaltet lässt.

Erst mit ausgeschaltetem Bildstabilisator entsteht ein scharfes Bild.

Diese Warnung, die generell auch vom Kamera- oder Objektivhersteller im Handbuch ausgesprochen wird, ist durchaus berechtigt. Wenn man von einem Dreibeinstativ aus fotografiert, sollte man den Bildstabilisator ausschalten, da ohne ihn schärfere Bilder als mit aktivierter Bildstabilisierung entstehen; nur beim Einsatz eines Einbeinstativs kann es sinnvoll sein, ihn eingeschaltet zu lassen.

Eine oft zu lesende Begründung für diese Empfehlung wirkt allerdings zu recht suspekt: Es wird suggeriert, der Bildstabilisator würde auf dem Stativ durch den Mangel an Bewegung irritiert und daher fehlerhaft arbeiten. Wollte man dies wirklich ernst nehmen, dann müsste man auch dazu raten, die Kamera nicht zu ruhig zu halten; erst wenn man sie ein wenig verwackelte, wäre der Bildstabilisator in seinem Element. Tatsächlich arbeitet ein Bildstabilisator immer in der gleichen Weise, ob sich die Kamera nun wenig, stark oder auch gar nicht bewegt. Ein Bildstabilisator erwartet nichts und kann daher auch nicht irritiert werden.

Dass die Aktivierung des Bildstabilisators bei Aufnahmen vom Stativ dennoch eher zu mehr als zu weniger Verwacklungsunschärfe führt, hat zwei Gründe. Zum einen benutzt man ein Stativ oft für Langzeitbelichtungen und damit für einen Bereich von Belichtungszeiten, bei denen ein Bildstabilisator nicht mehr sinnvoll einsetzbar ist. Grundlage der Bildstabilisierung sind Gyrosensoren, die Beschleunigungen der Kamera um die Schwenk- und Kippachse erkennen und daraus die Drehgeschwindigkeit um diese beiden Achsen ermitteln. Die Gyrosensoren sind jedoch nicht perfekt kalibriert, und so kann es sein, dass eine sehr langsame Bewegung gar nicht erkannt wird, während die Sensoren umgekehrt auch bei einer ruhenden Kamera meist noch eine minimale Bewegung melden, die der Bildstabilisator dann zu kompensieren versucht. Bei Belichtungszeiten bis etwa 1/8 Sekunde, bei denen ein Bildstabilisator überhaupt einen Nutzen bringt, spielen solche sehr langsamen Bewegungen keine nennenswerte Rolle. Auch wenn eine langsame Bewegung unkorrigiert bleibt oder eine vermeintliche Bewegung fälschlich kompensiert wird, führt das noch nicht zu einer sichtbaren Unschärfe. Bei Langzeitbelichtungen wäre der Effekt hingegen nicht zu übersehen. Mit dem Stativ hat das wohlgemerkt nichts zu tun, denn bei einer Langzeitbelichtung aus der Hand träte der Effekt ebenfalls auf – aber aus der Hand wäre die Langzeitbelichtung sowieso verwackelt und die zusätzlich vom Bildstabilisator verursachte Unschärfe würde keinen Unterschied mehr machen.

Auch der zweite Grund hat damit zu tun, dass ein Bildstabilisator nicht perfekt sein kann. Die Kompensation der Verwacklung erfolgt stets mit einer gewissen Verzögerung, weshalb der Bildstabilisator mit einberechnen muss, wie sich die Kamera während dieser Zeit voraussichtlich weiterbewegt haben wird. Die Extrapolation aus der von den Gyrosensoren gemessenen Bewegung in die Zukunft wird meist erfolgreich sein, aber gelegentlich wird der Bildstabilisator mit seiner Vorhersage auch daneben liegen, und dann vergrößert die vermeintliche Korrektur noch die Verwacklungsunschärfe. Da der Bildstabilisator weit öfter (annähernd) richtig als völlig falsch liegt, verbessert er insgesamt die Schärfe – die durch eine erfolgreiche Korrektur verhinderte Verwacklungsunschärfe überwiegt die durch Fehlkorrekturen selbst erzeugte Unschärfe. Wenn man die Kamera nun aber auf ein Stativ montiert, gibt es zwangsläufig keine erfolgreichen Korrekturen mehr, denn die Kamera ist ja bereits in Ruhe; was bleibt, sind die Fehlkorrekturen, und so ist die Aufnahme im Ergebnis unschärfer, als wenn man den Bildstabilisator ausgeschaltet hätte.

Diese prinzipiellen Probleme, die gegen den Einsatz des Bildstabilisators bei Aufnahmen vom Stativ sprechen, müssen sich nicht bei allen Kameras oder Objektiven mit Bildstabilisator in gleichem Maße zeigen. Generell wird ein leistungsfähigerer Bildstabilisator auch bei Stativaufnahmen weniger Probleme bereiten, und einige Hersteller versuchen auch, diese Probleme aktiv zu bekämpfen. Von Panasonics OIS ist beispielsweise ist bekannt, dass er mit einem Hochpassfilter niedrige Frequenzen aus den Signalen der Gyrosensoren herausfiltert und damit echte oder vermeintliche langsame Kamerabewegungen ignoriert. Canons Bildstabilisator in neueren EF-Objektiven soll erkennen, ob aus der Hand oder vom Stativ fotografiert wird, und sich gegebenenfalls selbsttätig ausschalten. Eine Garantie dafür, dass sich der Bildstabilisator nicht von der Lösung zum Problem entwickelt, ist das jedoch nicht, und daher sollte man ihn zur Sicherheit in jedem Fall manuell ausschalten.

   


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