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Kodak beantragt Gläubigerschutz

Wie geht es mit dem Gelben Riesen weiter?

20.01.2012 | mjh

Die Nachricht, dass Kodak gestern Gläubigerschutz nach Chapter 11 des US-Insolvenzrechts anmelden musste, kam nicht überraschend; das Unternehmen war schon länger in der Krise. Pressemeldungen des Tenors, dass Kodak nun am Ende sei, waren freilich voreilig. Das amerikanische Insolvenzrecht unterscheidet zwischen einem Insolvenzverfahren nach Chapter 7, das auf eine Liquidation des Unternehmens hinaus läuft, und einem Verfahren nach Chapter 11, das dem zahlungsunfähigen Unternehmen zunächst Schutz vor den Forderungen seiner Gläubiger gewährt. Wenn diesem Antrag stattgegeben wird, bekommt das Unternehmen die Chance, sich zu restrukturieren und erneut wettbewerbsfähig zu werden. Das Kodak-Management steht nun vor der Aufgabe, ein schlüssiges Konzept zu entwickeln, nach dem sie das Unternehmen wieder auf die Gewinnschiene bringen wollen. Citigroup springt Kodak mit einem Kredit über 950 Millionen Dollar bei, der die Differenz zwischen Guthaben und Verbindlichkeiten teilweise kompensiert. Lohn- und Gehaltszahlungen und die Ansprüche von Kunden sollen nicht gefährdet sein. Die deutsche Kodak-Tochter, die allein rund 1000 Mitarbeiter beschäftigt, erklärte derweil, dass sie von der Insolvenz des Mutterunternehmens zunächst nicht betroffen sei.

Auch die Kamerahersteller, die auf Kodaks CCD-Sensoren setzen, müssen nicht um den Ausfall ihres Zulieferers bangen. Kodaks Sensorsparte war schon im November 2011 von Platinum Equity aus dem Unternehmen herausgekauft worden und firmiert seitdem unter Truesense Imaging, Inc.. Kodaks CCD-Sensoren sind außer in technisch-industriellen Anwendungen vor allem bei Herstellern von Mittelformatkameras und -rückteilen wie Hasselblad und Phase One beliebt; auch Leicas M9 und S2 haben CCDs aus Kodaks-Sensorschmiede. Die NASA setzte Kodak-CCDs in Kameras von Raumsonden zur Erforschung von Mond, Mars und Jupiter ein. Diese Kunden werden künftig von Truesense Imaging beliefert.

In den Kommentaren zur Krise Kodaks war oft zu lesen, das Unternehmen, das Ende des 19. Jahrhunderts die Fotografie zum Massenphänomen gemacht hatte, hätte die Digitalisierung der Fotografie verschlafen und allzu lange auf den Markt für Filme und Fotopapier gesetzt. So entsteht allerdings ein schiefes Bild. 1975 war es der Kodak-Ingenieur Steven Sasson, der auf Basis des gerade erst erfundenen CCD den ersten funktionsfähigen Prototyp einer Digitalkamera entwickelt hatte. Seine Kamera brauchte noch 23 Sekunden, um 10-Kilopixel-Bilder auf einer Compact Cassette zu speichern, war aber der Urahn aller heutigen Digitalkameras. Nur ein Jahr später erfand der Kodak-Mitarbeiter Bryce E. Bayer das nach ihm benannte Muster der RGB-Farbfilter, das bis heute fast alle Sensoren nutzen. Auch die erste digitale Spiegelreflexkamera, die DCS 100 von 1990, war ein Kodak-Produkt. Das 1992 vorgestellte Medium PhotoCD machte es Fotografen ohne teuren Filmscanner möglich, Kleinbildfilme zu digitalisieren, womit man eine weit höhere Qualität als mit den ersten Digitalkameras erzielen konnte. Die DCS Pro 14n, eine der ersten DSLRs mit Kleinbildsensor, entstammte einer Kooperation von Kodak und Nikon.

Auch in anderen für die Digitalfotografie relevanten Technologien war Kodak führend. Früher als andere arbeiteten sie an OLED-Displays und stellten 2008 den digitalen Bilderrahmen OL 7620 mit einer beeindruckenden Bildqualität vor, dem aufgrund seines hohen Preises von rund 900 Euro allerdings der Verkaufserfolg versagt blieb. Die 2005 eingeführte EasyShare-One war die erste Digitalkamera mit WLAN-Modul und auch bei Kameras mit Bluetooth-Konnektivität war Kodak führend. 2006 folgte eine Reihe von Kameras mit je zwei Sensor/Objektiv-Einheiten, die mit einem Zoom und einem Weitwinkelobjektiv einen großen Brennweitenbereich abdeckten; die nur 23 mm tiefe EasyShare V610 hatte sogar zwei Zooms mit einem insgesamt zehnfachen Zoombereich. Die heutzutage allgemein übliche Funktion, Einzelbilder schon in der Kamera zu einem Panoramabild zu verschmelzen, war damals schon in den meisten Kodak-Modellen realisiert.

Auch in der jüngsten Zeit hatte Kodak mit den robusten Taschen-Videokameras der PlaySport- und PlayFull-Reihe ein wichtiges Marktsegment besetzt und wartete in anderen Bereichen mit pfiffigen Features wie einer E-Mail-Adresse für Bilderrahmen und Drucker auf, sodass man Freunden und Bekannten in aller Welt Bilder zur Ansicht oder als Ausdruck schicken kann.

Kodaks geschäftlicher Misserfolg ist nicht einem Mangel an Innovationen oder verpassten Trends zuzurechnen. Kodaks Produktpolitik fehlte allerdings oft eine klare Linie. Viele Innovationen wurden nur zaghaft eingeführt; wenn sie der Markt nicht sofort akzeptierte, gab Kodak vorzeitig auf und versuchte etwas Anderes. Dazu gehört auch, dass Kodak noch 2007 auf die Vorteile des Einsatzes von CMOS-Sensoren aus eigener Produktion setzte, diese Produktlinie aber zwei Jahre später einstellte und nur noch CCD-Sensoren produzierte. Zuletzt konzentrierte sich Kodak auf den schwierigen Markt der Tintendrucker und Drucker-Verbrauchsmaterialien und versuchte parallel dazu, sein umfängliches Patent-Portfolio zu veräußern, was den Eindruck einer Verzweiflungstat erweckte.

Kodak ist nach wie vor ein wichtiger Filmhersteller, auch wenn ihnen Fujifilm inzwischen den Rang abgelaufen hat. Die Bedeutung des Filmsegments ist stark geschrumpft und nach der Schließung einiger Produktionsstandorte zwar noch profitabel, aber nicht mehr das stabile Standbein von einst. Es bleibt abzuwarten, welchen Weg Kodak künftig gehen will, um wieder in die Gewinnzone zurückzukehren. Wünschen wir ihnen viel Erfolg dabei, denn es wäre schade, wenn der Gelbe Riese nicht wieder auf die Füße käme.

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