Warum sind Objektive rund und nicht rechteckig?
„Du kriegst noch rechteckige Augen!“, warnen Eltern, wenn das Kind vermeintlich zu viel Zeit vor dem Fernseher (früher) oder mit dem Smartphone (heute) verbringt. Das ist natürlich Unsinn. Aber warum sind die Linsen unserer Objektive eigentlich nicht rechteckig – die Sensoren und die damit aufgenommenen Bilder sind es doch auch?

Die Frage scheint nahe zu liegen. Schließlich setzen wir meist noch eine oft rechteckige oder tulpenförmige Sonnenblende vor das Objektiv, die das Streulicht jenseits des rechteckigen Bildausschnitts von der Frontlinse fernhalten soll. Stattdessen oder darüber hinaus könnte man das Objektiv doch mitsamt aller seiner Linsen rechteckig bauen. Damit würde man nicht nur wertvolles Glas sparen; ein solches Objektiv wäre auch leichter. Diese Überlegung klingt vernünftig, geht aber in die Irre.
Man könnte denken, dass das Lichtstrahlen aus der linken oder rechten Seite des Bildausschnitts auch nur die linke beziehungsweise rechte Seite des Objektivs durchlaufen, doch so ist es nicht. Schauen wir uns an, wie sich das Licht tatsächlich ausbreitet:

Von jedem Punkt des Motivs aus breitet sich das Licht in alle Richtungen aus, und ein Teil dieses Lichts erreicht die Frontlinse des Objektivs. Die Strahlen in diesem Lichtkegel werden vom Objektiv gebündelt und laufen auf dem Sensor wieder zu einem Punkt zusammen – vorausgesetzt, dass wir auf das Motiv scharfgestellt haben. Egal woher das Licht kommt, nutzt es immer die komplette Fläche der Linse aus. Wenn wir den Linsenquerschnitt auf ein Rechteck beschneiden, blockieren wir einen Teil der Lichtstrahlen und auf dem Sensor kommt weniger Licht an – das Objektiv wäre weniger lichtstark. Zudem würde eine rechteckige Öffnung für ein eher hässliches Bokeh sorgen – aus Unschärfekreisen würden Unschärferechtecke.
Das gilt wohlgemerkt für Aufnahmen bei offener Blende. Wenn wir abblenden, blockiert die Blende einen Teil der Lichtstrahlen. Die Lichtkegel werden schmäler und das von einem Punkt ausgehende Licht nutzt dann tatsächlich nicht mehr die gesamte Fläche der Linsen aus. Bei einem mehrlinsigen Objektiv muss der vom Licht durchquerte Ausschnitt aber nicht unbedingt der mittlere Teil einer jeden Linse sein. Die Hersteller streben danach, die Blendenöffnung möglichst rund zu halten, damit sich auch bei kleineren Blenden ein ruhiges Bokeh ergibt.
Es hat also seinen Sinn, wenn die in der Fotografie verwendeten Objektive stets rund sind. Vor dem Objektiv können und sollten wir den Bildwinkel mit einer Streulichtblende oder einem Kompendium auf den rechteckigen Bildausschnitt beschränken, aber nicht innerhalb des Objektivs selbst.