Fake Porn im 19. Jahrhundert
mjh, 14. Januar 2026, 22:00 Uhr
Deep Fake Porn ist ein Phänomen der jüngsten Zeit, aber schon vor 135 Jahren wurden Frauen mittels Montagen entkleidet, um sie mit den resultierenden „Fotografien“ zu erpressen.

Nein, das ist kein Foto, sondern ein Gemälde John Singer Sargents, der Virginie Amélie Avegno Gautreau in einer für die damalige Zeit provokativen Pose (in einer ersten Variante war ihr der rechte Träger des Kleids auch noch über die Schulter gerutscht) porträtiert hatte. Im Paris des Jahres 1884 ließ es Gerüchte über das außereheliche Liebesleben der Abgebildeten sprießen, die trotz des anonymisierten Bildtitels von jedermann erkannt worden war. Der Maler musste schließlich vor den Gerüchten und einer gehässigen Kunstkritik nach London fliehen und Virginie Gautreau hatte Mühe, ihren Ruf zu wahren.
Sargents Gemälde dient nur als Symbolbild, denn hier soll es um das schon im 19. Jahrhundert verbreiteten Phänomen des Fake Porn gehen, also die Montage von Porträts prominenter Frauen in Aktaufnahmen, die den Eindruck erweckten, sie hätten tatsächlich nackt vor der Kamera posiert – damals überwiegend ein Nebenerwerb von Sexarbeiterinnen. Ein solcher Eindruck hätte den Ruf der betroffenen Frauen ruiniert, und mit der Androhung, die Bilder zu veröffentlichen, ließen sie sich erpressen.

Am 17. April 1891 meldete das Topeka Capital Journal die Verhaftung einer dreiköpfigen Bande: „Ihre Methode ist, sich Fotos bekannter und prominenter Damen der Gesellschaft zu verschaffen und den Kopf in diesen Bildern auf das Foto eines halb oder völlig nackten Körpers zu montieren.“ Mutmaßlich seien die „Spitzbuben“ („Scamps“) Mitglieder einer größeren Organisation, die in allen größeren Städten der USA aktiv wäre und mit solchen Bildern handelte.
Dauerhaft unterbinden ließe sich solche Missetaten nicht, wie ein Artikel in der Brooklyn Daily Times vom 22. Juli 1905 beweist. Damals waren der in Brooklyn tätige Fotograf Frederick E. Carlton und dessen Freundin festgenommen worden, und mit weiteren Festnahmen sei zu rechnen. Carlton war bereits des Diebstahls verdächtigt worden, aber der Vorwurf der Erpressung mit Fotomontagen kam nun noch hinzu: „… er verfügt über umfangreiche Kenntnisse der besten Verfahren, mit denen man den Kopf einer Frau aus einem Bild auf dem nackten Körper einer anderen Frau in einem anderen Bild platzieren kann, so dass ein Foto dieser Kombination allem Anschein nach das Aktfoto einer Frau zeigt, die nie anders als in einer höchst schicklichen Aufmachung posiert hatte. Das Potential für Erpressungen macht solche Bilder für Verbrecher attraktiv.“
Fotomontagen waren schon vor mehr als 100 Jahren populär, und sie dienten nicht allein dazu, Frauen im Wortsinne bloßzustellen. 1911 konnten sich Touristen, die die US-Hauptstadt Washington besuchten, dort fotografieren und in Szenen mit Präsident William Taft montieren lassen. Mochte das noch als harmloser, wenn auch vom Weißen Haus nicht gerne gesehener Scherz angesehen werden, nutzte ein in den Menschenhandel verwickelter Mann ein Fake-Foto, auf dem ihm der Präsident die Hand zu schütteln schien, um sich das Vertrauen argloser junger Frauen zu erschleichen, die als Einwanderer in die USA einen Job suchten.
1912 wurde ein Gesetzentwurf in den Senat eingebracht, der die Herstellung, Ausstellung und Verbreitung von Fake-Fotos unter Strafe (bis zu 6 Monate Haft) stellen sollte. Die Fotografie, so das Intelligencer Journal of Pennsylvania, sei eine „wunderbare Kunst“, die jedoch ganz offensichtlich Regeln erfordere, um ihren Missbrauch zu unterbinden. Dagegen wurden in der Zeitschrift American Photography Bedenken geäußert: Das Gesetz setze Fotografen und Verlage der ständigen Gefahr aus, mit fälschlichen Erpressungsvorwürfen überzogen zu werden.
Was auch immer der Grund dafür war: Der Gesetzentwurf gelangte nie zur Abstimmung und bis heute gibt es in den USA kein Gesetz gegen Fälschungen mit den Mitteln der Fotomontage. 1913 verlor der zur Wiederwahl angetretene Republikaner William Taft gegen seinen demokratischen Herausforderer Thomas Woodrow Wilson, und in Washington florierten schon bald Montagen mit Woodrow Wilson, auf die sich die lokalen Fotografen umgestellt hatten.
Viel scheint sich in den letzten 135 Jahren nicht verändert zu haben, nur braucht man für Fake Porn keine Erfahrung und kein besonderes Geschick mehr. Mit Grok kann sich jeder Depp – zumindest jeder zahlende Depp – das Bild einer Frau nehmen, um sie weitgehend zu entkleiden und noch die abseitigsten Fantasien damit auszuleben. Dieser Geist ist aus der Flasche und wird schwerlich wieder hinein zu bekommen sein. Grok ist ja keine Nudify-App, die man verbieten könnte, und das KI-Modell ist auch nicht auf diese Anwendung hin trainiert worden; es kann (fast) alles und daher auch das. Einem KI-Modell bestimmte Fähigkeiten auszutreiben wäre schwierig und nachträgliche Verbote durch hidden prompts ließen sich umgehen. Allerdings richtete sich ja auch der Gesetzentwurf von 1912 nicht gegen die Werkzeuge der Manipulation – damals noch Federmesser und Klebstoff –, sondern gegen die Anwender. Darauf dürften Gesetze gegen Fake Porn auch heute hinauslaufen.