Kein Knick in der Kurve? Wie Hasselblad das Potential der X2D II 100C verschenkt
mjh, 26. November 2025, 08:00 Uhr
Einen Dynamikumfang von fabelhaften 15,3 EV schreibt Hasselblad seinem neuesten Mittelformatmodell X2D II 100C zu. Realistischere Messergebnisse zeigen allerdings, dass die Kamera hinter den Möglichkeiten zurückbleibt, die ihr Sensor bietet.
In einem Artikel bei PetaPixel stellt dessen Autor die steile These auf, die X2D II 100C hätte der in dieser Disziplin führenden Fuji GFX100 II „fast die Dynamikumfangskrone entrissen“. Dabei stützt er sich auf die Messergebnisse von PhotonsToPhotos, die aber schon auf den ersten Blick ein ganz anderes Bild zeichnen:

Wie man sieht, liegt die schwarze Kurve der X2D II 100C nur bei ISO 200 und 400 etwa gleichauf mit der blauen Kurve der GFX100 II, während sie bei den übrigen ISO-Einstellungen um gut 2/3 EV unter der des Fuji-Modells verläuft. Bei ISO 50 liegt die X2D II 100C noch ein wenig unter dem Wert der GFX100 II bei ISO 100. Die von Hasselblad beworbenen 15,3 EV werden klar verfehlt: Die Messung des „Photographic Dynamic Range“ ergibt ein Maximum von realistischeren 12,5 EV bei ISO 50. Nun gibt es verschiedene Arten, den Dynamikumfang zu definieren und zu messen, und es mag durchaus sein, dass die X2D II 100C nach irgendeiner Definition tatsächlich 15,3 EV erreicht. Diese Werbeaussage ist allerdings wenig wert, weil wir nicht wissen, welches Ergebnis die Produkte der Mitbewerber mit demselben Messverfahren erreichen würden – gut möglich, dass es noch höher wäre.

Hasselblads neuestes Modell hatte also gar keine Chance, der GFX100 II die Krone zu entreißen; es kam nicht einmal mit den Fingerspitzen daran. Aber damit stellt sich die Frage, warum das so ist, denn schließlich steckt in beiden Kameras der gleiche oder ein zumindest sehr ähnlicher Sony-Sensor. Der Dynamikumfang, also der Szenenkontrast, den eine Kamera bewältigen kann, ohne die Lichter ausfressen oder die Schatten absaufen zu lassen, wird weitgehend vom Sensor bestimmt, und so hätte man sehr ähnliche Messergebnisse erwartet.
Schauen wir uns die einzelnen Messwerte einmal genauer an: Ihren größten Dynamikumfang erreicht eine Kamera immer bei ihrer Grundempfindlichkeit, denn so ist die Grundempfindlichkeit definiert. Setzt man den ISO-Wert herauf, so sinkt der Dynamikumfang, denn es wird ja nicht mehr so viel Licht gesammelt, und was man bei den Lichtern verliert, wird nicht am anderen Ende bei den Schatten kompensiert. Während sich nun aber bei der X2D II 100C ab ISO 200 ein linearer Rückgang zeigt, weist die Kurve der GFX100 II einen Knick auf: Von ISO 400 auf 500 steigt der Dynamikumfang wieder um 0,42 EV an, um erst danach wieder linear abzufallen, und das verschafft der Fuji im gesamten höheren ISO-Bereich einen Vorsprung von mehr als 2/3 EV gegenüber der Hasselblad.
Der Knick in der Kurve ist für moderne CMOS-Sensoren typisch. Er zeigt eine Umschaltung des Conversion Gain an, also der Spannung, die bei einer bestimmten elektrischen Ladung im Ladungsspeicher eines Sensorpixels gemessen wird. Bei ISO 500 schaltet die GFX100 II in den High-Conversion-Gain-Modus, indem sie die Ladungsspeicher der Sensorpixel künstlich verkleinert. In einem kleineren Speicher erzeugt dieselbe Ladung eine höhere Spannung, und da man bei höheren ISO-Werten ohnehin nicht die volle Kapazität nutzen würde, ist mit dieser Spannungsverstärkung kein Nachteil verbunden.
Wann der Conversion Gain wechselt, wird von der Kamera kontrolliert; aktuelle Kameramodelle schalten durchweg bei ISO 500, 640 oder 800 um. Ältere Sensoren boten diese Option eines Dual Conversion Gain (und damit zwei umschaltbaren Grundempfindlichkeiten) noch nicht – Messungen des Dynamikumfangs älterer 50-MP-Modelle von Fuji, Hasselblad und Pentax zeigen daher keinen Knick und fast identische Messwerte.
Warum Hasselblad noch immer auf eine Umschaltung des Conversion Gain verzichtet und damit einen Teil des Potentials des Sensors verschenkt, bleibt mysteriös. Immerhin wäre es wohl möglich, eine solche Umschaltung noch nachträglich mit einem Firmware-Update nachzuliefern.